Die verschiedenen Stadien des Boreout (S. 87-88)
Viele Menschen meinen, ein wenig Boreout sei kein Boreout. Jeden Tag ein bisschen vor sich hin wursteln, freie Zeit für Privates haben und die Unterforderung und daraus resultierende latente Unzufriedenheit einfach als gegeben, als Tatsache akzeptieren und sich mit der Situation arrangieren – das klappt doch ganz gut. Es ist wie bei einer chronischen Krankheit, bei der man sich mit der Zeit an die Schmerzen gewöhnt und die dann eben dazugehören. Viele sind also überzeugt, dass es sich in ihrem Falle nicht um einen „richtigen" Boreout handle. Die Situation wird auf Einzelfälle reduziert – sie kämen nur ab und zu vor und hätten keine wirkliche Bedeutung. Doch wenn wir jeweils genauer fragen, stellt sich heraus,
• dass es tatsächlich (und erwartungsgemäß) nicht bei allen gleich schlimm ist, • dass nicht alle von Anfang an offen über ihre wahre Arbeitsleistung reden, die Probleme einfach verdrängen oder als normal betrachten und • dass all die Probleme rund um den Boreout doch nicht so vernachlässigbar sind, wie es auf den ersten Blick scheint.
Ein wenig Boreout ist also kein Boreout? Weit gefehlt. Denn es gibt den Weg zum Boreout und es gibt das Gefangensein im Boreout. Einerseits kann also „ein wenig" Boreout schlimmer werden – wieder ähnlich einer Krankheit, die sich entweder verschärft oder kuriert werden kann. Der Boreout kann schwach vorhanden sein und sich gefährlich entwickeln – heilen kann man ihn am besten im Anfangsstadium. Man kann aber auch seit längerer Zeit „krank" sein, also am Boreout leiden. Und auch dieses Leiden gibt es in verschiedenen Stufen – stärker oder weniger stark. Nicht alle sind gleich unterfordert oder desinteressiert.
Nicht alle arbeiten in gleichem Maße zu wenig oder erledigen ihre Privatangelegenheiten. Man kann also mehr oder weniger am Boreout leiden – abhängig ist das von der jeweiligen individuellen Situation. Und seien Sie auf der Hut: Die Tatsache, dass Sie sich mit ihrer unbefriedigenden Lage vordergründig einfach abfinden, heißt nicht, dass Sie nicht am Boreout leiden. Auch wenn es nur ein wenig ist. Fünf Typologien Einerseits ist die Diagnose etwas sehr Individuelles, andererseits kann man das Phänomen des Boreout tatsächlich auch verallgemeinern. Es gibt eine Art von Krankheitsbild – wie etwa bei einer Grippe.
Die ist auch etwas Individuelles, aber dennoch gibt es gewisse Elemente, die immer wieder vorkommen. Und es gibt Abstufungen, die eine Grippe zur Grippe machen. Für die individuelle Einschätzung haben wir auf den vorangegangenen Seiten zahlreiche Hinweise gegeben. In diesem Kapitel möchten wir fünf Typologien vorstellen, die ganz allgemein aufzeigen, wie ein Boreout aussehen kann. Wir wollen damit in den Fällen, wo nur schwache Anzeichen festzustellen sind, verhindern, dass ein drohender Boreout verdrängt wird.
Diese Art von Beurteilung hilft, schwache Anzeichen zu erkennen, ihnen genügend Gewicht zu verleihen und dagegen anzugehen. Natürlich wollen wir keinen Elefanten aus der Mücke machen: Wir lassen die Mücke Mücke sein und weisen darauf hin, dass ihre Stiche ganz schön unangenehm sein können. Und dass aus ihr unter Umständen doch noch ein Elefant werden kann. Die fünf Typologien sind aber nicht nur dazu da, die eigene Situation genauer unter die Lupe zu nehmen und die ersten Boreout- Anzeichen zu erkennen. Sie sollen dem Boreout auch ein Gesicht geben.
Und sie sollen es Ihnen ermöglichen, an Boreout leidende Kollegen einordnen zu können, eine erste Analyse vorzunehmen. Die von uns aufgestellten Typologien erhöhen den Wiedererkennungseffekt, und das Krankheitsbild erhält Konturen. Mit unserer Benennung der Boreout-Typen haben wir verschiedene Elemente verknüpft: Ursachen, Symptome und individuelle Merkmale.
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