KAPITEL 13 PROMISKUITÄT I: FREMDGEHENDE MÄNNER (S. 169-170)
Ein wunderbares Beispiel eines Fremdgängers ist Simon Forman, geboren 1552. Er hat sich diesbezüglich mit seinen Tagebüchern verewigt. Ein seltenes Fundstück für die Sexualwissenschaft, denn in jenen Tagen schrieben nur wenige Männer ihre sexuellen Abenteuer so akribisch nieder wie jener Engländer. Man muss hinzufügen: Frauen schon gar nicht. Bis zum Jahre 1582 hatte Simon Forman keinen Geschlechtsverkehr, da zählte er 30 Lenze. Das Versäumnis holte er in den nächsten 17 Jahren nach, insbesondere mit zwei langjährigen Geliebten, und zwar mehrmals am Tage. 1599 heiratete er, 47-jährig, eine 19-Jährige. Ihr war er in seinem eigenen Haushalt nähergekommen. Sie war zu seiner Bedienung angestellt worden.
Forman hatte sich als Beschwörer, Astrologe und Magier einen Namen gemacht. In dieser Position verführte er, was ihm zwischen die Finger kam und sich nicht verweigerte. Sein Vorgehen war nicht zimperlich, das der Verführten ebenso wenig. Einmal war es die Frau vom Schulmeister, die ihm alles gewährte, während ihr Gatte eine Etage tiefer einer Schar Schüler Unterricht gab. Dem Tagebuch zufolge hat Forman beispielsweise am 16. Januar 1601, also zwei Jahre nach seiner Heirat, Geschlechtsverkehr mit seiner alten Freundin und Klientin Mrs Condwell, in der Früh um 9.00 Uhr, und mit seiner Bediensteten Frances Hill gegen Mittag. Am 9. Juli 1607 trieb er es mit zwei unterschiedlichen Frauen, um 8.00 Uhr morgens und um 3.00 Uhr nachmittags, vermutlich waren sie Klientinnen. Mit seiner Frau, die er sinnigerweise »Tronco« (Body/Körper) nannte, verkehrte er um 9.00 Uhr abends.169 Formans führte ein Geschlechtsleben, um das ihn gewiss so mancher Mann beneidete.
Das Erstaunliche dabei ist: viele seiner Klientinnen waren römisch-katholischen Glaubens, auch suchten ihn Puritanerinnen auf. Diese Frauen waren folglich auf sexuelle Zurückhaltung und Treue eingenordet. Trotzdem, zahlreiche ließen sich auf Forman ein. Die Erklärung für seinen Erfolg ist simpel. Er hatte die gewissermaßen magische Anziehung eines Arztes, eines Priesters und eines Psychoanalytikers. Alles zusammen machte ihn offenbar unwiderstehlich. Das allein erklärt nicht, weshalb er zuschlug, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu bot. Schließlich hatte er eine ergebene Gattin. Coolidge-Effekt heißt hier das Zauberwort.
Von Coolidge-Effekt sprechen Wissenschaftler, wenn unter bestimmten Umständen das sexuelle Interesse an der einen Sexualpartnerin zurückgeht, zugleich durch eine andere aber wieder geweckt werden kann. Bei Säugetieren ist das Phänomen weitverbreitet und vielfach belegt, zum Beispiel bei männlichen Ratten, Stieren, Ziegen- und Schafböcken sowie Rhesusaffenmännchen. Es wird aber auch in allen menschlichen Gesellschaften und Kulturen beobachtet. Im Westen sinkt etwa die Häufigkeit des sexuellen Verkehrs mit der Dauer der Partnerbeziehung.
Die Bezeichnung »Coolidge-Effekt« geht ursprünglich auf eine allzu menschliche Anekdote zurück. Der amerikanische Präsident Calvin Coolidge (1872–1933) und dessen Frau hatten einst eine Hühnerfarm im Mittleren Westen besichtigt. Dabei soll Mrs Coolidge gefragt haben, ob ein einziger Hahn all die vielen Hennen zufriedenstellen könne. Der Farmer bejahte. Daraufhin bat sie ihn, ihrem Mann davon Mitteilung zu machen, was er tat. Der Präsident reagierte prompt: »Bitte erinnern Sie meine Gattin an eine wesentliche Tatsache: Der Hahn wählt jedes Mal eine andere Henne.«
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