Die LINTON-Experimente (S. 19)
Margaret LINTON führte eine äußerst raffiniert an - gelegte Langzeitstudie (über mehrere Jahre) durch, in deren Rahmen sie täglich ein oder zwei Begebenheiten aus ihrem Leben schriftlich festhielt. Ur - sprünglich wollte sie vor allem herausfinden, ob (persönliche) Erinnerungen chronologisch abgespeichert werden (oder thematisch).
Es stellte sich je - doch heraus, daß die Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann, denn beides ist wahr: In den ersten Wochen kann man Erinnerungen am leichtesten chronologisch abrufen. (Nach dem Motto: „Das war letzte Woche am Tag vor der Be triebs - feier, ah ja, das war am Dienstag...“) Nach einigen Monaten stellte das Gedächtnis auf eine STICHWORT-Suche um, das heißt, die Er - innerungen sind dann eher thematisch (assoziativ) abrufbar.
Nach Jahren sind Ereignisse dann schließlich nur noch „thematisch“ (also assoziativ) abrufbar (vgl. auch SEMONs Vermächtnis bei SCHACTER, s. Literaturverzeichnis). Manche Erlebnisse sind fest an andere ge knüpft, ohne daß man das genaue Datum weiß. In den Kriminalromanen Agatha CHRISTIEs machen die Personen laufend Aussagen wie „Ja, das war nach dem großen Feuer, als das Sowieso-Haus abbrannte“ oder „Das muß noch vor der großen Flut gewesen sein, weil...“.
Die Frage, in welchem Jahr diese Ereignisse (Feuer, Flut) tatsächlich stattgefunden haben, beantwortet in der Regel erst eine umständliche Rechenoperation, das heißt, die Ereignisse liegen assoziativ bei Feuer beziehungsweise Flut (und sind nicht chronologisch gespeichert).
Aber es gab noch drei weitere Erkenntnisse (Nr. 5 bis 7), die LINTON total überraschten: Anfangs konnte sie aufgrund der ÜBERSCHRIFT (im Sinne eines STICHWORTs) SOFORT und ohne zu zögern, RE-KONSTRUIEREN, was sie ur sprüng - lich notiert hatte (wie das Fallbeispiel zeigt): Angenommen, sie hätte eines Tages „SARI“ notiert, dann würde sie annehmen, daß sie später sofort wissen müßte, daß sie heute im Shopping Center eine junge Frau kennengelernt hatte, die ein eigenartiges Gewand trug.
Des weiteren würde sie an - neh men, daß ihr nun sofort wieder einfallen würde, daß sie mit ihr ins Gespräch gekommen war und was sie dabei gelernt hatte, z.B.:
a) Die junge Frau kommt aus Indien.
b) Das Gewand ist die typische Bekleidung für Frauen in Indien.
c) Es besteht aus einem Tuch, das um die Hüfte gewikkelt wird und bis zum Boden reicht.
d) Dazu trägt man am Oberkörper eine kurze Bluse (die bis zur Mitte des Bauches reicht).
e) Man schlingt einen Teil des Tuches über eine Schulter.
f) Dieses wickelt man so, daß auf einer SEITE ein wenig nackte Haut zu sehen ist.
g) Es darf aber niemals von vorn Haut zu sehen sein.
h) Das Gewand wird SARI genannt.
Also scheint die Schlagzeile „SARI“ gut geeignet, um später sofort zu wissen, worum es bei dieser Be - gebenheit ging. Aber es scheint nur so, denn: Um eine Sache bleibend zu verankern, müssen entsprechende Nervenbahnen angelegt werden.
Wenn wir ein einschneidendes Erlebnis haben, bei dem wir heftige Emotionen erleben (erleiden), dann reicht ein einziges Mal, und die Nervenbahn wird (wie mit einer Kreissäge) ins Gehirn „gefräst“. Erleben wir aber nur mäßige Emotionen („Das ist also ein Sari, interessant...), dann müssen wir das Ganze mehrmals wie derholen, damit jeder Durchgang die noch schwache Bahn verstärken kann.
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