4 Auswahl von Aktien anhand quantitativer Kriterien (S. 53-54)
Kennzahlen sind einer der elementarsten Bausteine bei der Auswahl von Aktienengagements. Es gibt wahrscheinlich kaum einen Anleger, der sich nicht Gedanken darüber gemacht hat, ob (s)eine Aktie mit einem hohen oder niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) gepreist ist. So sinnvoll und notwendig die Nutzung von Kennzahlen auch ist: Hier lauern viele Fallstricke, über die Sie stolpern können.
Viele Anleger haben auch deshalb etwa im Neuen Markt viel Geld verloren, weil sie zu lange davon ausgegangen waren, dass die entsprechenden Werte (basierend auf zu hohen Gewinnschätzungen) günstig seien. Andererseits finden Sie nirgendwo so »sachdienliche Hinweise«, ob eine Aktie günstig ist oder ein Unternehmen seinem Geschäft gut nachkommt, wie beim Blick auf das Zahlenwerk. Eine solide Betrachtung der wichtigsten Kennzahlen ist unerlässlich.
4.1 Darum ist die Arbeit mit Kennzahlen sinnvoll
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Das Telefon klingelt, am anderen Ende der Leitung ist ein guter Bekannter, der sich ein neues Auto zugelegt hat und sich daran erinnert, dass Sie zurzeit selbst ein Auto kaufen wollen. Er schlägt vor, seinen Gebrauchtwagen an Sie zu verkaufen. Es gibt nur eine Frage, die offen ist, da Ihnen das Auto zusagt – jene nach dem Preis. Die Antwort, beispielsweise »12.000 Euro«, werden Sie dann danach beurteilen, ob das Fahrzeug diesen Preis tatsächlich wert ist. Nur wenn Sie der Auffassung sind, dass Sie nicht zuviel bezahlen und Ihr Bekannter zugleich das erhält, was er als »fairen Wert« betrachtet, kommen Sie ins Geschäft.
Praktisch täglich werden Sie mit diesem banalen Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage konfrontiert, ob im Supermarkt oder im Restaurant. Ausgerechnet beim Kauf von Aktien, wo es oftmals um ganz andere Beträge geht, werfen viele Anleger eine der einfachsten und wichtigsten Grundregeln (»Alles hängt am Preis«) über Bord. Da werden »heiße Tipps« einfach mal gekauft, weil das Geschäftsmodell überzeugend und der Vorstand eloquent sind. Häufig anzutreffen war dies in den Boomzeiten des Neuen Marktes, heutzutage ist dies etwa bei Solarwerten oder China-Aktien der Fall.
Da werden aber ebenso Aktien verschmäht, die für weniger gehandelt werden, als Geld in den Kassen liegt, obwohl dazu noch ein profitables Kerngeschäft kommt, das die Kassen weiter füllt. Dieses Marktversagen war 2002 bis 2004 häufiger anzutreffen. An der Frage, ob eine Aktie teuer oder billig ist, kommt kein Anleger vorbei. Ausnahmslos jede Aktie kann irgendwann zu teuer sein. Spätestens dann, wenn sich kein Abnehmer mehr findet, der bereit ist, einen höheren Preis zu zahlen, ist etwas falsch gelaufen. Im Umkehrschluss kann fast jede Aktie durch eine sehr günstige Bewertung interessant sein, wenn sie tief genug gefallen ist.
Lediglich kurz vor dem Exitus eines Unternehmens macht ein Einstieg keinen Sinn mehr, um auf das Beispiel des Gebrauchtwagens zurückzukommen: Wenn nach einem Totalschaden der Transport zum Schrotthändler teurer als der Verwertungserlös ist, kann man einfach keinen guten Deal mehr machen. Es besteht kein Zweifel: Sie kommen bei der Auswahl Ihrer Werte nicht daran vorbei, den Preis zu »checken«. Das geht, so Sie keine Wissenschaft daraus machen wollen, durchaus in einem vernünftigen Zeitrahmen. Das Internet und kostenlos verfügbare Datenbanken geben Ihnen heute fast paradiesisch umfangreiches Werkzeug zur Hand. |